Wie es kam, dass Herr Emm eine Fee aus den Fängen eines seriösen Ankäufers errettete

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Zu einer Zeit als Herr Emm gerne die UnaussprechBar aufsuchte, herrschte meist bedrohliche Leere in seiner Brieftasche und der Pegel seines Bankkontos pendelte zwischen einer schwarzen Null und dem Überziehungsrahmen. So kam es, dass er manchmal zum Monatsultimo hin, sich einiger Besitztümer im Austausch gegen bares Geld entledigen musste. Just in einem solchen Augenblick fiel sein Blick auf eine Zeitungsannonce in der ein „Seriöser Ankäufer“ bare Münze für allerhand Waren, die in Haushalten meist durch Erbschaft anfallen konnten, bot. Schon das dazugehörige Foto strafte die Selbstbeschreibung Lügen. „Strizzi mit fettigen, ungepflegten Haaren“ wäre wohl passender gewesen, dachte Herr Emm.

Aber, beggars can’t be choosers, und so begab sich Herr Emm zur angegebenen Adresse, eine geerbte Engelsfigur mit Blattgoldflügeln unter dem Arm. Der Inhaber, deutlich gepflegter als auf dem Zeitungsfoto, begrüßte ihn freudig und Herr Emm hob an: „Wissen Sie, guter Mann, ich bin unlängst vom Glauben abgefallen und nun kann ich den Anblick dieses Puttos nicht mehr ertragen. Ist zwar ein Erbstück von meiner Ururgroßtante, einer litauischen Freifrau, aber er muss weichen!“

„Gewiss, der Herr, vollkommen verständlich, der Herr, kann man nachvollziehen, so ein Anblick jeden Tag, litauisch sagten Sie?“
„Richtig, mit tschechisch-polnischen Wurzeln, sehr katholisch, großzügig gegenüber den Armen, der Großteil des Vermögens ging an die Kirche, der Familie blieben nur einigen Kunstgegenstände und natürlich die Juwelen. Vor allem Rosenkränze mit irgendwelchen Steinen, ich kenn mich da nicht so aus. Die Tante hat aber Quittungen für einige aufgehoben, von einem gewissen Fahberger oder so ähnlich, schwer zu lesen, die habe ich noch.“
„Aha, hochinteressant, wirklich, wollen Sie die auch veräußern?“ fragte der Ankäufer hoffnungsfroh.
„Eher nicht“ „meinte Herr Emm „wer würde schon alte Quittungen kaufen? Da mach ich mir keine großen Hoffnungen.“
„Nein, die Rosenkränze, meinte ich“
„Ach so, wie dumm von mir“ warf Herr Emm ein, weiter den Erben mimend „aber nein, die könnten Silber sein die behalte ich für schlechte Zeiten. Aber der Engel muss weg, das feiste Gesicht täglich sehen zu müssen macht mich krank!“
„Selbstverständlich, der Herr, gestatten der Herr, dass ich den Engel kurz mit nach hinten in die Werkstatt nehme? Ich muss ihn etwas genauer unter die Lupe zu nehmen?“
„Ja, ja, natürlich. Ich seh‘ mich inzwischen ein bisschen hier um, schließlich muss ich ja eine leere Stelle an der Wand füllen“ log Herr Emm dreist.
„Ganz wie es beliebt, der Herr“ und der Händler verschwand durch eine Tür in ein Hinterzimmer.

Herr Emm schlenderte durch den Laden, als sein Blick auf eine Kuckucksuhr fiel, deren Zeiger stillstanden. „Wollen wir doch einmal schauen, ob das Vögelchen noch herauskommt“ dachte Herr Emm, versetzte dem Pendel einen leichten Stoß und drehte den Stundenzeiger auf 12. Das Türchen sprang auf und mit einem Geräusch ähnlich dem Pfeifen eines Teekessels, manifestierte sich aus einer Dampfwolke ein winziges geflügeltes Wesen, das lange blonden Haar nur mühsam von einem grünen Trachtenhut gebändigt und in Loden gekleidet, Tinkerbell im Wetterfleck gewissermaßen. „Holla, die Waldfee“ entfuhr es Herrn Emm.
„Nicht ganz“ meinte das Wesen „ich bin die Jagdfee. Die Waldfee ist meine Chefin.“
„Jagdfee? Was hat es damit auf sich“? frug Herr Emm.
„Nun ja, das will ich gerne erklären. Die Jagd ist, trotz anderslautenden Meinungen, das älteste Gewerbe der Welt und wir Jagdfeen sind gewissermaßen die Gewerbeaufsicht. Wir arbeiten im Hintergrund und passen auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ich gebe zu, das gelingt oft mehr schlecht als recht, wie Habsburgische Abschusszahlen die in die Hunderttausende gingen, beweisen. Das hatte mit edlem Waidwerk nichts mehr zu tun, das war bloßes Dahinmorden. Aber wer Menschen in sinnlose Kriege hetzt, der macht vor ein paar tausend Rebhühnern auch nicht Halt“, echauffierte sich das ätherische Wesen und schüttelte den Staub vom Wetterfleck. „Danke jedenfalls, dass du mich aus der Uhr befreit hast. Du heißt nicht zufällig Aladin?“
„Nein, leider, mein Name ist Emm, Herr Emm.“
„Auch sehr schön, jedenfalls hast du drei Wünsche frei, so wie es der Brauch ist. Aber ich hätte eine Bitte: Nutze nur zwei aus und schließ mich dann wieder in das Kuckucksnest.“
„Zwei ist auch nicht schlecht, aber ich bitte um Erklärung, ohne dies als ersten Wunsch anzusehen,“ meinte darauf hin Herr Emm.
„Natürlich, natürlich“, meinte die Fee „aber ganz schnell, der Strizzi wir bald zurück sein. Es war so: Der Antquitätentandler hat eines Tages den Haushalt eines verstorbenen Jagdchefs aufgelöst, dabei war auch die Kuckucksuhr, in der ich es mir gemütlich gemacht hatte, denn, eh schon wissen, es ist kalt im Wald, gerade im Winter. Dummerweise hatte sich durch die Feuchtigkeit das Türchen verklemmt und ich war gefangen. ‚Nicht so schlimm‘, dachte ich, ‚in ein paar Jahren sind die Scharniere durchgerostet, so feucht wie es hier ist.‘ Aber der Händler war genauso neugierig wie du und öffnete das Türchen. Ich war befreit und er hatte drei Wünsche frei.“
„Aber dann hättest du dich ja davonmachen können“ stellte Herr Emm fest.
„Hätte, hätte, Fahrradkette! Der Typ ist ja nur gierig aber nicht völlig plemplem. Sein dritter Wunsch war jedes Mal, dass ich wieder in der Uhr gefangen sei.“
„Ah,“ meinte Herr Emm und rieb sich die Stirn „aber wie hilft es dir, wenn ich nur zwei Wünsche wünsche?“
„Das mit den Wünschen läuft so“ sagte die Jagdfee, die noch immer Herrn Emm umschwirrte wie ein Kolibri um näher an seinem Ohr zu sein, „wenn nicht alle drei ausgenutzt werden, bleibt der einer übrig und die Reihe ist nicht beendet. Der nächste geäußerte Wunsch, von wem auch immer, beendet die Serie und die Fee ist aller Obligationen ledig!“
„Aber er hätte dich dann ja wieder befreit, setzte das dann nicht wieder eine neue Reihe in Gang?“ erkundigte sich Herr Emm.
„Nur wenn du das Türchen so fest zumachst, dass ich es nicht alleine öffnen kann. Wenn du es nur leicht anlehnst hat er mich technisch gesehen nicht befreit und hat keine Wünsche mehr frei. Der eine freie Wunsch bleibt zur Ablenkung bestehen, damit du ausreichend Zeit hast, dich davonzumachen. Wärst du so nett? Die Jagdgesellschaften der Welt wären dir dankbar, alles läuft aus dem Ruder ohne mich, Wilderer, Despoten, Hobbyjäger jeder ballert lustig drauflos, die Arbeit der Jäger zum Schutz von Flora und Fauna wird zunichte gemacht…. Ich bitte dich, tu mir die Lieb‘!“

Herr Emm ließ sich nicht 2x bitten und schlug in den Handel ein. „Nun also zu meinen Wünschen, gibt es da eine Wunschformel, muss ich sie sagen oder denken, oder wie geht das jetzt?“
„Du musst sagen: Jagdfee, ich wünsche mir … und dann deinen Wunsch“
„Jagdfee ich wünsche mir, dass ich immer 5 Schilling mehr eingesteckt habe, als meine Rechnung in der UnaussprechBar ausmacht.“
„Gewährt“ und kaum hatte die Fee das ausgesprochen erhellte für Sekundenbruchteile ein helles Licht das Geschäft des seriösen Ankäufers.
„Jagdfee, ich wünsche mir eine gut sitzende Hose von Zegna!“
„Gewährt, du wirst die Hose in deinem Kasten finden, sie wird nicht kaputt gehen und immer perfekt passen.“ Blitz und die Fee verschwand in der Uhr. „Dürfte ich bitten? Aber wie gesagt nur anlehnen!“

Herr Emm tat wie ihm geheißen und kurz darauf erschien der Händler, rieb sich das Kinn und meinte: “Da sind einige Bestoßungen in der Blattgoldauflage, auch wurde der Flügelansatz einmal nicht ganz sachkundig restauriert und sehen Sie, hier ist ein Fingernagel abgesplittert… 1.800 Schilling könnte ich mir vorstellen, der Herr.“
„Achtzehnhundert? Wo doch der Fürsterzbischof selbst ihn geweiht hat.“
„Der Fürsterzbischof selbst? Wenn dem so ist, dann meinetwegen 2.500, höher kann ich aber wirklich nicht gehen“ warf hastig der Händler ein. Er wollte anscheinend Herrn Emm rasch aus dem Geschäft haben. Vielleicht hatte er die Blitze gesehen und ahnte Schlimmes.
„Nun gut, zweifünf“ meine Herr Emm „übrigens, ich war so frei diese netten kleinen Bronzen zu fotografieren, ich hoffe das Blitzlicht schadet den Figürchen nicht, zum reinen Privatgebrauch natürlich.“
„Äh ja, nein, selbstverständlich der Herr, Bronze ist ja ein robustes Material, denken Sie nur an die Bilder von Siegerehrungen, hunderte Blitzlichter und nie hätte man gehört, dass eine Bronzemedaille Schaden genommen hätte, also kein Problem der Herr, sind ja auch wirklich nett…. leider schon für einen Stammkunden reserviert …., der Herr versteht sicher!?“ Der Händler schien wieder beruhigt und Herr Emm steckte die 2.500 Schilling ein und machte sich aus dem Geschäft. Als er auf die Straße trat vermeinte er im Augenwinkel einen kurzen Blitz gesehen zu haben.
‚Der dritte Wunsch‘ dachte er. Kurz darauf hörte er nah bei seinem Ohr ganz, ganz leise ein Jagdhorn schallen.

So kam es, dass Herr Emm eine Fee aus den Fängen eines seriösen Ankäufers errettete (und gern gesehener Stammgast in der UnaussprechBar wurde).

© Martin Siegel 2026
Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen oder Feen ist zufällig und unbeabsichtigt. Bei der Herstellung dieser Geschichte kamen keine gefangenen oder freien Feen zu Schaden.

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